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LUIGI
RICCI Einige persönliche
Erinnerungen (Die folgenden
Ausführungen sind ein Auszug aus dem in Entstehung begriffenen Buch Für
manchen Musiker hat das Wort „Tradition“ heute einen schlechten
Beiklang; man denkt dabei an eine Anhäufung willkürlicher Bräuche,
die sich im Laufe der Zeit wie eine dicke Kruste über das Werk selbst,
wie es vom Komponisten erdacht und gewollt war, gelegt und dieses bis
zur Unkenntlichkeit verunstaltet habe. Solche „schlechte“ Tradition
gibt es natürlich auch; auf sie trifft das berühmt gewordene Wort
Gustav Mahlers zu, nach welchem Tradition nichts anderes sei als
Schlamperei. Hier
soll aber von einer ganz anderen, ja geradezu entgegengesetzten Art von
Tradition die Rede sein, und zwar von jener mündlichen Überlieferung,
die es in dieser Form vielleicht nur in Italien gegeben hat, und die,
von Generation zu Generation weitergegeben, nicht nur den Stil einer
vergangenen Epoche, sondern auch das authentische Wissen um den Willen
der großen Komponisten rein und lebendig erhalten hat. Träger dieser
authentischen Überlieferung waren nicht etwa mittelmäßige oder
egozentrische Sänger, die ihre eigenen persönlichen Wünsche mit dem
usurpierten Titel „Tradition“ zu legitimieren versuchten, sondern
gewissenhafte Persönlichkeiten von größtem künstlerischem Ernst, die
von einem unbedingten Respekt vor den großen schöpferischen Genies der
Vergangenheit erfüllt waren und kein anderes Ziel kannten, als mit
allen ihren Kräften diesen Genies und deren Werken zu dienen. Der
bedeutendeste dieser Traditionsträger war ohne Zweifel Luigi Ricci. Die
Geschichte der Luigi-Ricci-Tradition beginnt nicht mit Ricci selbst,
sondern mit dem Leben und Wirken jenes Mannes, dem er den größten Teil
seines Wissens über die Aufführungspraxis der italienischen Oper im
19. Jahrhundert verdankt: Antonio Cotogni. Cotogni,
den seine Zeitgenossen „il re
dei baritoni“ („den König der Baritone“) nannten, wurde 1831
in Rom geboren, wo er im Jahre 1852 am Teatro Metastasio als Belcore in
Donizettis „L’Elisir d’amore“ debütierte. Zu diesem Zeitpunkt
war Donizetti erst vier Jahre tot; die Uraufführung des „Don
Pasquale“, die im Theatre Italien in Paris stattgefunden hatte, lag
neun Jahre zurück. Zwar sangen die großen Sänger der Rossini-Epoche -
wie Garcia, Giovanni Davide oder Filippo Galli - schon seit vielen
Jahren nicht mehr; die Malibran war schon tot, und die Zeit von Pastas
großen Leistungen war vorbei. Doch viele der Sänger, die die Werke
Bellinis und Donizettis uraufgeführt hatten, standen noch auf der Höhe
ihrer Kunst und beherrschten nach wie vor die großen europäischen
Opernbühnen. Giulia Grisi z.B., für die Bellini die Giuletta in „I
Capuleti e i Montecchi“, die Adalgisa in „Norma“ und die Elvira in
„I Puritani“, und Donizetti die Norina in „Don Pasquale„
geschrieben hatten, war noch auf der Höhe ihrer Karriere; und mit zwei
anderen Größen der Belcanto-Zeit, dem Tenor Mario, der die Rolle des
Ernesto in „Don Pasquale“ kreiert hatte, und Giorgio Ronconi, der
als der Bariton Donizettis
galt und bei zahlreichen Uraufführungen von Donizetti-Opern mitgewirkt
hatte, sollte Cotogni wenig später gemeinsam auftreten. Bei einem
dieser Belcanto-Sänger sollte er sogar in die Lehre gehen: Von dem berühmten
Baß-Bariton Antonio Tamburini, für den die Rollen des Riccardo in „I
Puritani“ und des Malatesta in „Don Pasquale“ geschrieben worden
waren, ließ sich der junge Bariton die Interpretation des Don Giovanni
beibringen. Jedenfalls
war der Belcanto-Stil, zur Zeit, als Cotogni sein Debüt gab, noch in
voller Blüte. Cotogni ist in diesem Stil aufgewachsen und wurde auch
durch den unmittelbaren Kontakt mit vielen Sängern, die von Rossini,
Bellini und Donizetti künstlerisch geformt worden waren, maßgeblich
geprägt. In die Operngeschichte ist Cotogni jedoch als der Bariton
Verdis eingegangen, mit dessen künstlerischem Entwicklungsweg er als
Interpret engstens verbunden war. Schon ein Jahr nach seinem ersten
Auftreten, also mit 22 Jahren, hatte er sich an die Partie des Luna in
„Il Trovatore“ gewagt; im Jahr darauf kam dann Rigoletto dazu.
Danach eignete er sich beinahe alle Baritonpartien Verdis an. Die
einzigen Opern des großen Komponisten, in denen er nicht auftrat, waren
- abgesehen von einigen Jugendwerken - jene Spätwerke, die zu einer
Zeit komponiert wurden, als die stimmlichen Kräfte des Sängers bereits
nachließen: „Simon Boccanegra“, „Aida“, „Otello“ und „Falstaff“. Cotogni
galt nicht nur als der bedeutendste Bariton der Verdi-Epoche, sondern überhaupt
als eine einzigartige Erscheinung unter den Opernsängern seiner Zeit.
Der Ruhm, den er auf der Höhe seiner Karriere genoß, muß ganz außergewöhnlich
gewesen sein. „Die Stolz und
Cotogni“ - so können wir in einer Kritik aus der „Gazzetta
Musicale di Milano“ aus dem Jahre 1870 lesen - „erheben
sich auf eine Höhe, die nur von wenigen erreicht, von niemandem jedoch übertroffen werden kann. Cotogni, den man mit recht
den Fürsten unter den heutigen Baritonen nennen kann, hat das Publikum
entschieden fasziniert. Dieser Sänger mit der mächtigen und weichen
Stimme, ist wirklich etwas Außerordentliches.“ Über Cotognis
letzten Auftritt in „Don Pasquale“, der ebenfalls 1870 in Venedig
erfolgte, schrieb dieselbe Zeitung: „Während der
letzten Vorstellung, die Anfang September stattfand, wurde Cotogni auf
außerordentliche Art und Weise gefeiert. Nach nie enden wollendem
Beifall im Theater, nach der Überreichung von ich weiß nicht wievielen
Lorbeerkränzen, sowie einem Regen von Blumen und Gedichten, wurde er
von einer Menschenwoge nach Hause geleitet; unter dem Balkon im Hotel
Reale Daniele, wo er wohnte, wurde ihm
dann in aller Form eine Serenade dargebracht. Die Chöre und das
Orchester des Teatro Malibran, angeführt von Trombini und Acerbi, ihren
Leitern, spielten und sangen bis spät in die Nacht hinein, begleitet
von den begeisterten Rufen der Menge - circa vier- oder fünftausend
Personen...“ Auch
von zeitgenössischen Künstlerkollegen wurde Cotogni als eine ganz außergewöhnliche
Erscheinung geehrt. Adelina Patti nannte ihn „den besten unter den
vielen Kollegen“, die ihr während ihrer langen Karriere begegnet
waren; und der Tenor Francesco Marconi, der auf allen großen Bühnen
Europas zusammen mit Cotogni gesungen hatte, schrieb über ihren ersten
gemeinsamen Auftritt in Bellinis „Puritani“: „Als ich zur
ersten Probe kam ... und ihn seine ersten Worte: ‘Or dove fuggo omai’
singen hörte, war ich geradezu erschrocken über diese wunderbare Kunst
und sagte, daß ich nicht mehr singen wollte. Was für ein kolossaler Künstler!
Jene Gesänge, die, in dieser göttlichen Oper, Bellini schon so groß
und eindrucksvoll gestaltet hatte, wurden durch die unvergleichliche
Interpretation durch Cotogni noch größer. Und ich schäme mich nicht
zu erklären, daß ich „I Puritani“ und einen guten Teil meines
sonstigen Repertoires von Toto Cotogni gelernt habe.“ Cotognis
Kunst wurde am häufigsten mit dem Wort „nobile“
bezeichnet. Von den Kritiken wurde damals immer wieder seine Fähigkeit,
einen bösen Charakter zu veredeln, hervorgehoben; auch sein Spiel soll
sich durch besondere Würde ausgezeichnet haben. Er selber sagte einmal
rückblickend: „Gewisse überstarke Wirkungen, gewisse allzu wilde
oder düstere Erscheinungen haben mir nie gefallen“ - womit er einen
Geschmack bezeugt, der eher mit dem Belcanto als mit dem durch
extreme Farben und Gefühle gekennzeichneten Stil des jungen
Verdi verwandt ist. Dem alten Belcanto muß auch seine Art zu singen
nahegestanden haben. Besonders wurde sein „fior
di labbra“ gerühmt - womit die Kunst gemeint ist, einen so
leichten Ton zu produzieren, daß dieser gleichsam wie eine Blume aus
dem Mund hervorwächst. Obwohl Cotogni in der Höhe Töne von
schmetternder Kraft von sich geben konnte, war er auch imstande solchen
Tönen eine dolcezza zu
verleihen, wie man es sonst nur bei höher gelegenen Stimmen zu hören
gewohnt war. Zu
den merkwürdigsten Ereignissen seines reichen Künstlerlebens gehörten
zwei Begegnungen, die er mit den beiden größten noch lebenden
Komponisten seiner Zeit hatte: Rossini und Verdi. Der
Besuch bei Rossini erfolgte 1867 in Passy, wo er durch den Tenor Baragli
in das Haus des Komponisten eingeführt wurde. Was Cotogni, der zu
diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt war, dort erlebt, erzählte er später
seinem Biographen Angelucci:
„Der große Meister war in Pantoffeln und hatte das Hemd offen,
auf dem übrigens eine halbe Dose Tabak umhergestreut lag.
Er wurde durch eine Gesellschaftsdame gestützt, da er schon alt
und gebrechlich war. Er setzte sich ans Klavier und wollte, daß ich, in
Gegenwart meines Freundes, die cavatina (aus dem „Barbiere“) sang.
Ich sang sie, wobei ich sie ohne die abstoßende Kadenz beendete, die
viele Künstler machen, um einen besonderen Applaus zu bekommen.
‘So habe ich es geschrieben’, sagte Rossini ernst; und
nachdem er eine Zeit lang nachgedacht hatte, improvisierte er, mit jenem
ésprit, den er, so alt er auch war, noch unverändert besaß, folgendes
‘strambotto’: Non
siete fra i baritoni, Di
tal razza asinina, Che
la cadenza storpiano Ne
la mia cavatina! (Ihr seid nicht einer jener eselhaften Baritone, die
meine cavatina durch eine schlechte Kadenz verunstalten.)
Danach lachten wir alle herzhaft, worauf er fragte: ‘Haben Sie
einen guten Triller?’ Ich hatte nicht den Mut, mit Ja zu antworten,
weil, um die Wahrheit zu sagen, das, was bei mir ein Triller sein
sollte, eher ein einfaches tremolo war. ‘Nun gut’, sagte er, nachdem
ich geschwiegen hatte, ‘wenn Ihr einmal einen guten Triller habt - und
Ihr werdet einen haben - macht ihn zusammen mit der Rosina.’
Und nachdem er dies gesagt hatte, begann er, vom Hundersten ins
Tausendste kommend, ein Loblied auf einen bestimmten Spargel zu singen,
den er am Vormittag auf dem Marktplatz gesehen hatte.“ Während
der persönliche Kontakt Cotognis mit Rossini auf diesen einen Besuch
beschränkt blieb, stand er mit Verdi in dauernder Verbindung. Wie oft
und wann er den großen Komponisten traf oder mit ihm zusammenarbeitete,
läßt sich nicht mit Sicherheit sagen; alles deutet jedoch darauf hin,
daß dies sehr häufig geschah. Vielleicht kamen sie schon während der
Proben zur Uraufführung des „Trovatore“ zusammen, die immerhin in
Cotognis Heimatstadt Rom, ein Jahr nach dessen Debüt, stattfand. Sicher
ist jedenfalls, daß sich die beiden im Jahre 1861 in Madrid
kennenlernten, wo Cotogni in der dortigen Produktion von „La forza del
destino“ - es war die erste Aufführung dieses Werkes nach der Urauffhürung in St. Petersburg - die Rolle des Don Carlo sang. Da Verdi,
dem Brauch der Zeit gemäß, nicht nur anwesend war, sondern auch selbst
die Proben leitete, ist es sicher, daß der junge Sänger diese Rolle in
genauester Detailarbeit mit dem Komponisten einstudiert hat. Sicher ist
auch, daß Cotogni bei den Proben zur Uraufführung des „Don Carlos“
in Paris anwesend war; da er zu diesem Zeitpunkt bereits dazu ausersehen
war, die Partie des Posa bei der italienischen Erstaufführung des
Werkes in Bologna zu singen, war er extra nach Frankreich gereist, um
die Anweisungen, die Verdi dem dortigen Sänger gab, mit anzuhören.
„Gegen Mittag kam ich bei der Villa an, und mir wurde
mitgeteilt, daß der Maestro, der noch nicht da war, bald erwartet
wurde. Er kam auch tatsächlich kurz danach an, in Bauerntracht und mit
schlammbedeckten Kleidern. Als ich ihn in dieser Aufmachung sah,
versuchte ich mich zu verstecken, um ihn nicht zu stören, aber er hatte
mich bereits bemerkt und, ohne mir Zeit zu geben, ein einziges Wort zu
sagen, reichte er mir die Hand und sagte: ‘Sie sind der Bariton
Cotogni, nicht wahr? Ausgezeichnet; Mariani hat mir schon deswegen
geschrieben, und ich habe das Vergnügen, Sie hier zu sehen und zu hören...
Kommen Sie, Kommen Sie mit mir.’ Und ohne weitere Formalitäten führte
er mich in sein Studio, nahm den Klavierauszug des „Don Carlo“ und
sagte, auf dem Klavier präludierend: ‘Singen Sie doch die
Auftrittsarie’. - Du kannst Dir nicht vorstellen, was ich in jenem
Augenblick empfand! Ich war nicht mehr ich; trotzdem überwand ich mich
und, wie Gott wollte, sang ich auch: ‘Carlo ch’è sol il nostro
amore’.
Trotz der Bestürzung, die ich bei dieser höchsten Prüfung
empfand, schaute ich in fieberhafter Erregung Verdi an, um zu sehen,
welchen Eindruck er von meinem Singen hatte; und der Eindruck war gut,
denn nach der Schlußkadenz rief er mir mit lauter Stimme „Bravo“
zu.
‘Jetzt hören wir das Duett an; ich werde den Part des Tenors
singen’ sagte mir dann der Maestro.
Das Duett war meine Stärke, und es machte mir keine Sorge - außer
an einer Stelle, die ich anders sang, als es der Komponist wollte. Ich
sang sie jedoch, wie ich sie fühlte, auch unter der Gefahr, eine Rüge
zu provozieren. Verdi hörte tatsächlich zu spielen auf, sah mich an
und sagte:
‘Sie führen das nicht so aus, wie ich es geschrieben habe ...
aber das ist nicht so wichtig ... singen Sie doch so; es geht gut -
nein, vielleicht geht’s sogar besser so ... das crescendo macht hier
einen guten Effekt ... und jetzt, um zum Schluß zu kommen, singen Sie
Posas Tod.’
Das war genau das, was ich wünschte, und, nachdem ich mich von
meinem Schreck erholt hatte, begann ich die Arie ‘Per me giunto è il
dì supremo’, die ich so sang, wie ich sie vielleicht nie wieder in
meinem Leben je gesungen habe. Ich sang mit dem ganzen Ungestüm meiner
Seele und fühlte dabei, wie mir vor lauter innerer Bewegung die Tränen
über das Gesicht rannen! Ich hörte erschöpft auf, aber eine unsägliche
Freude erfüllte wie eine Woge mein Herz, da ich sah, daß auch der
Maestro weinte!...
‘Bravo, mein kleiner Bescheidener!’ sagte er, indem er mir kräftig
die Hand drückte. ‘Bravo!’ Fahren Sie nach Bologna und sagen Sie
Mariani, daß Sie mich durch
ihren Gesang zum Weinen gebracht haben!’
Ich fuhr voller Zufriedenheit nach Bologna zurück und sah der
Premiere des „Don Carlo“ mit der größten Ruhe entgegen. Nachdem
ich Verdi persönlich vorgesungen hatte, konnte mich das Publikum des
Teatro Communale wahrhaftig nicht beunruhigen.“ Cotogni
war nicht nur durch solche unmittelbaren Begegnungen, sondern auch durch
seine langjährige Zusammenarbeit mit den größten Sängern der
Donizetti-Bellini-Verdi-Zeit in den Besitz einer Erfahrung von unschätzbarem
Wert gekommen - einer Erfahrung, die ihn zu der Aufgabe, Träger der
authentischen Tradition zu sein, geradezu vorausbestimmte. Damit aber
der Träger auch zum Vermittler werden konnte, mußte noch etwas
dazukommen, nämlich ein ernsthafter und bescheidener Charakter. Denn
nur wer bereit ist, die eigene Person zugunsten des objektiven Wissens
hintanzustellen, ist imstande, dieses Wissen rein weiterzugeben. Daß
Cotogni in höchstem Grade einen solchen Charakter besaß, geht schon
aus seiner Erzählung über seinen Besuch in Sant’Agata deutlich
hervor, wird aber außerdem durch zahlreiche Zeugnisse bestätigt. Verdi
pflegte ihn „il mio ignorantino“
zu nennen, was ungefähr mit „mein kleiner Bescheidener, der du dein
eigenes Licht immer unter den Scheffel stellst“ zu übersetzen wäre.
Cotogni selbst sagte immer wieder: „Ich bin nichts Besonderes, ich bin
nicht mehr als die anderen.“ Sehr aufschlußreich ist das, was
Battistini, der bei ihm den Don Giovanni studierte - also jene Partie,
die Cotogni bei Tamburini gelernt hatte - über die gemeinsame Arbeit
berichtete: „Acht Tage
lang studierte ich jene Oper unter seiner Führung, und er hielt keine
Feinheit, keine Nuance vor mir geheim Er entschleierte mir alle die
Geheimnisse seiner eigenen Kunst, ohne je sich ihrer zu rühmen;
vielmehr sagte er gerade bei jenen Stellen, wo er sich als den größten Künstler offenbarte: ‘Queste sono le
tradizioni e a queste dobbiamo attenderci’ (Diese
sind die Traditionen, und an diese müssen wir uns halten), während er eigentlich hätte sagen sollen: ‘Dieses ist die Frucht
meines langen Studiums und meiner großen Erfahrung.’“ Es war ein großes Glück für die Opernwelt, daß sich Cotogni, nachdem er seine Sängerlaufbahn beendet hatte, nicht ganz aus dem öffentlichen Leben zurückzog, sondern Pädagoge wurde. Hatte er schon während seiner aktiven Karriere Sängern wie Battistini oder Jean de Reszke bei der Ausarbeitung ihrer Rollen geholfen, so begann er nun, auf breiter Basis Gesangsunterricht zu erteilen.
Über
Cotognis Unterricht stand weiterhin als Motto: „Queste sono le traditioni e a
queste dobbiamo attenderci“. Denn im Gegensatz zu heute bestand
damals der Unterricht eines Gesangslehrers, zumindest wenn es sich um
eine so überragende künstlerische Persönlichkeit wie Cotogni
handelte, nicht nur aus technischer Schulung, sondern auch aus
Unterweisung in Stil und Interpretation. Und gerade hier hatte Cotogni
Einzigartiges zu bieten. „Schaut“, pflegte er seinen Schülern zu
sagen, „hier erlaubte mir Rossini, eine kleine Kadenz einzufügen“
oder: „Hier sagte mir Verdi, daß man nicht zornig, sondern mit wehmütiger
Empfindung singen sollte“ oder: „Hier schaltete Ronconi, der diese
Partie mit Donizetti selbst einstudierte, eine kleine Atempause ein,
damit er die nächste Phrase forte
beginnen konnte...“ So
sah der Unterricht aus, den die jungen Sänger damals bei Cotogni
genossen. Zu den aufmerksamsten Zuhörern bei solchen Unterweisungen gehörte
aber seit dem Jahr 1905 auch ein Pianist, der als Klavierbegleiter bei
Cotogni angestellt war: Luigi Ricci. * Ricci,
der im Jahre 1893 in Rom geboren wurde, war Sohn eines Kirchensängers
und hatte schon seit seiner frühen Kindheit Klavier gespielt; oft genug
hatte er auch als kleines Kind seinen Vater in der Kirche begleitet. Er
war also nicht ganz ohne musikalische Vorbildung, als er im Alter von
nur zwölf Jahren zu Cotogni kam und von diesem als Pianist engagiert
wurde. Mit
diesem Engagement begann eine Zusammenarbeit, die Riccis ganzem Leben
die Richtung weisen sollte. Dreizehn Jahre lang, von 1905 bis 1918,
begleitete er die Gesangsstunden Cotognis - nicht nur bei ihm zuhause,
sondern seit 1907 auch an der Accademia di Santa Cecilia. „Mit dieser
Arbeit“, schrieb er später, „begann meine Tätigkeit - nicht als Sänger,
sondern als Gesangslehrer und Opernrepetitor; und von Cotogni lernte ich
die Methode, die es ihm ermöglichte, eine Schar von Belcanto-Sängern
hervorzubringen, die nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch
jetzt noch Italien größte Ehre bringt.“ Es
war aber nicht nur die Unterrichtsmethode, die Ricci von Cotogni lernte.
Während er die Stunden des großen, alten Sängers begleitete, hatte er
auch Gelegenheit, dessen enormes Wissen in sich aufzunehmen. Und wenn
Cotogni seinen Schülern erzählte, was ihm Rossini oder Verdi gesagt,
oder wie dieser oder jener berühmte Sänger der Belcanto-Epoche ein
bestimmtes Stück oder eine bestimmte Phrase gestaltet hatte, hörte
Ricci nicht nur mit größter Aufmerksamkeit und voller Ehrfurcht zu,
sondern schrieb gewissenhaft jedes Wort, das er vernommen hatte, in
seinen eigenen Klavierauszügen oder Partituren auf. Auf diese Weise
ging der ganze Erfahrungsschatz, den sich Cotogni im Laufe eines langen
Lebens gesammelt hatte, in den Besitz Riccis über und wurde so für die
Nachwelt erhalten. Riccis
eigenes Leben stand ganz im Dienste dieser authentischen Überlieferung;
auch über seinem Wirken stand als Motto der Ausspruch Cotognis: „Queste sono le tradizioni e a queste dobbiamo attenderci“. Bald
sollte Ricci auch Gelegenheit finden, diese Traditionen an andere
weiterzugeben. Noch während seiner Lehrzei bei Cotogni wurde er als
Pianist am Teatro Costanzi (dem späteren Teatro all’Opera) in Rom
engagiert, wo er mit vielen der bedeutendsten Sängern der Epoche
arbeiten konnte. Wiederholte
Tournées nach Südamerika, die teilweise unter Leitung Mascagnis
standen, brachten ihn mit weiteren berühmten Künstlern zusammen. Von
1928 bis 1934 war er an der Scala tätig; als aber Tullio Serafin nach
Rom ging, um die Leitung des dortigen Opernhauses zu übernehmen, folgte
ihm Ricci dorthin, wo er zum wichtigsten Mitarbeiter des großen
Dirigenten wurde, der ihm alles, was mit Einstudierung von
Gesangspartien zu tun hatte, im vollsten Vertrauen überließ.
Die Namen aller anderen Sänger, die bei ihm ihre
Rollen einstudierten oder bei ihm Unterricht nahmen, würden mehrere
Seiten füllen. Neben den Cotogni-Schülern Giuseppe de Luca, Giacomo
Lauri-Volpi, Mariano Stabile und Enrico Nani seien hier, um einen
Eindruck von der Breitenwirkung, die Ricci durch seine Tätigkeit
erreichen konnte, noch Claudia Muzio, Tuta Ruffo, Rosina Storchio, Gilda
dalla Rizza, Maria Caniglia, Elvira de Hidalgo, Michele Fleta, Ferruccio
Tagliavini, Apollo Granforte, Aureliano Pertile und Fjodor Schaljapin
genannt. In neuerer Zeit gehörten Leontyne Price und Anna Moffo zu
seinen berühmtesten Schülern - sowie Toti Gobbi, der, wie Gigli, alle
seine Rollen bei Ricci einstudierte und diesem auch seine ganze
Interpretationskunst verdankte. Ricci,
der nur selten dirigierte und keinen Ehrgeiz auf diesem Feld hatte,
erlangte mit der Zeit auf dem Gebiet der Sänger-Einstudierung eine
absolute Sonderstellung. Lauri-Volpi erzählt in seinem Buch „L’equivovo“:
„An der Scala fand ich Maestro Luigi Ricci engagiert, der
vorher Korrepetitor bei Emma Carelli am Teatro Costanzi in Rom gewesen
war. Vor dem Krieg hatte ich ihn als Klavierbegleiter in der Klasse
Antonio Cotognis an der Santa Cecilia kennengelernt. Bei Gelegenheit
meines Auftritts in der Arena zu Verona hatte ich Zenatello gebeten, ihn
zu engagieren. Zenatello war mit ihm zufrieden, so wie Scandiani, an der
Scala, von ihm begeistert war. Ricci wurde von diesem Zeitpunkt an eine
Zelebrität auf dem Gebiet der Korrepetitoren...“ In einem Artikel über Ricci, der im Jahre 1974 in
der „Opera news“ erschien, wird er wie selbstverständlich „Italy’s greatest coach“ genannt. Bei
Riccis Arbeit mit den Sängern stand die Ehrfurcht vor dem Willen der
großen Komponisten an erster Stelle. „Es
ist bekannt“ - schrieb er einmal -
„daß die Meister willkürliche Interpretationen ihrer Musik durch Sänger,
die kein anderes Ziel haben, als bei der Galerie Erfolg zu haben, nicht
lieben. Man hat gesehen, daß weder Rossini noch Verdi solche Übergriffe
liebten; dasselbe gilt auch für Puccini.“ Andererseits wußte er
besser, als jeder andere, daß Werktreue nicht unbedingt Notentreue
bedeutet, und wenn er in seinem Unterricht versuchte, den
Sänger zu
einer Interpretation hinzuführen, die sich mit den Absichten des Autors
deckte, so gehörten alle jene unschätzbaren Informationen dazu, die er
als mündliche Überlieferung von Cotogni bekommen hatte. Die
Cotogni-Tradition bildete jedoch nicht die einzige Grundlage von Riccis
Arbeit. Denn sobald er seine eigene Theaterlaufbahn begann, bekam er
Gelegenheit, den Schatz an authentischer Überlieferung durch eigene
Erfahrungen selbst zu vermehren. Schon als Fünfzehnjähriger konnte er
Mascagni bei der Einstudierung einer seiner Opern in Rom beobachten. Der
Bericht, den er hierüber verfaßte - es handelte sich um die Erstaufführung
von „Le Maschere“ im Jahre 1908 -, ist vor allem deshalb
interessant, weil er uns einen Einblick in die lebendige Probenarbeit
eines Komponisten gibt, der mit größter Genauigkeit sein Werk mit den
Sängern selbst einstudiert. Hier können wir unmittelbar die Entstehung
dessen erleben, was wir als authentische Tradtion bezeichnen:
„Um mich auf das Zuhören vorzubereiten, hatte ich aus der
Leihbibliothek von Emanuele Grandi, einem Musikhändler, den
Klavierauszug ausgeliehen. Es sei noch nebenbei erwähnt, daß ich
diesen Auszug nach der Aufführung von „Le Maschere“ auch käuflich
erwarb, damit ich dort die Korrekturen, die Sprünge und die Ergänzungen
eintragen konnte, die der Autor später anbrachte. Ich bewahre ihn jetzt
als eines meiner kostbarsten Erinnerungsstücke auf (...)
Ich befand mich in einer Ecke mit meinem Klavierauszug in der
Hand. Als Mascagni hereinkam, gingen ihm alle entgegen. Nachdem er alle
mit großer Freundlichkeit begrüßt hatte, fing die Probe sofort an. Es
war das erste Mal, daß ich Mascagni sah, und für mich war es eine
Offenbarung. Ich verstand auf einmal, was es hieß, eine Oper
einzustudieren. Mascagni kümmerte sich um jede Einzelheit; d.h., er war
einer jener Animatoren, die imstande sind, den eigenen Enthusiamus und
die eigene Leidenschaft auch anderen einzuflößen. Einerseits schien
es, als ob er sich nur um die Musik kümmerte; andererseits aber,
zwischen einer witzigen Bemerkung und der anderen, belehrte er die Sänger,
indem er sie fortwährend unterbrach, um ihnen zu zeigen, wie sie diese
oder jene Phrase zu singen hatten. Die Sänger folgten ihm mit lebhaftem
Interesse und Gewinn. Nachdem er mit seiner nasalen Stimme den Charakter
einer jeden Person bezeichnet hatte, legte er ihnen seine, wie man heute
sagen würde, Regie-Ideen dar, die er nicht nur erklärte, sondern durch
praktische Beispiele deutlich machte. Er imitierte z.B. die Bewegungen,
die Pirouetten, das Kopfschütteln, den Gruß des Arlecchino, zeigte dem
Pantalone das charakteristische Heben des Mantels, die Art, in der er
sich den Bart streicheln sollte, sowie die ernste und schwerfällige
Haltung, die diese Figur haben mußte; und dem Capitano Spavento führte
er das hochmütige, an Cyrano erinnernde Einherschreiten vor. Einen
besonderen Eindruck
machte mir die Art, wie er dem Tartaglia das stotternde Singen
beibrachte und der Rosaura zeigte, wie sie in die Arme des Florindo zu
fallen hatte.
Dann ging er wieder ans Klavier; und das, was er durch Worte und
Gesten erklärt hatte, sang und rezitierte er nun, immer wieder von
vorne beginnend...“
Die
wichtigste künstlerische Begegnung jedoch, die Ricci im Laufe seiner
langen Wirksamkeit zuteil wurde, war ohne Zweifel die mit Puccini. Acht
Jahre lang begleitete er alle Proben, die dieser anläßlich der
Einstudierung seiner eigenen Werke in Rom leitete. Dadurch gelangte
Ricci in den Besitzt eines Wissens von unschätzbarem Wert. Denn auch
Puccini war gewohnt, minutiös mit den Sängern an der Interpretation
ihrer Rollen zu arbeiten; auch er wollte genau und ohne Abstrich seinen
Willen ausgeführt sehen und konnte eine Viertelstunde lang einen berühmten
Sänger unbarmherzig traktieren, bis dieser ein portamento
oder ein dimenuendo genauso sang, wie er, Puccini, es haben wollte. Das
meiste davon stand nicht in der Partitur; wie er selbst zu sagen
pflegte: „Tutto non si può
scrivere“ („Man kann nicht alles aufschreiben“). So entstand
von neuem eine wichtige mündliche Tradition, die von Ricci wieder mit
größter Gewissenhaftigkeit - er kontrollierte mit dem Metronom sogar
die Tempi, die Puccini während der Proben nahm - registriert und
schriftlich fixiert wurde. Als Frucht dieser Arbeit entstand das Buch
„Puccini interprete di se stesso“,
das nicht nur allgemeine Bemerkungen über den Stil enthält, sondern
auch Takt für Takt alle jene Änderungen und Ergänzungen wiedergibt,
die Puccini während der Probenarbeit verlangt hatte. Dies
alles weiterzugeben, empfand Ricci als seine Lebensaufgabe. Bis zu
seinem Tod im Jahre 1981 war er in diesem Sinne auch unermüdlich tätig.
Noch Ende der Siebzigerjahre, da er schon weit über 80 war,
unterrichtete er acht Stunden am Tag. In seinen letzten Jahren kamen
nicht nur Sänger aus allen Erdteilen zu ihm, sondern auch Dirigenten,
denen es noch daran gelegen war, die „echten Traditionen“ zu
erfahren. Carlo Maria Giulini suchte ihn z.B. auf, um mit ihm über die
Interpretation des „Don Carlo“ zu sprechen - doch nicht, wie Ricci
später immer wieder betonte, um seine
Meinung zu hören, sondern um zu erfahren, „was Verdi selbst gewollt
hatte“. Auch Erich Leinsdorf hatte keinerlei Bedenken, sich an Ricci
in Fragen der Interpretation und des Stils zu wenden. Da der berühmte
Dirigent mit Leontyne Price in Rom „Tosca“ aufnahm, bat er Ricci, zu
den Sitzungen ins Studio dazu zu kommen. „Sie stellen sich neben ihre
Schülerin“ sagte er zu ihm „und dirigieren sie, wie Sie es für
richtig befinden; sie soll Ihnen folgen, und ich folge dann ihr.“ Es
gibt sogar ein Foto, das während der Aufnahme gemacht wurde, und auf
dem diese Gruppierung genau zu sehen ist. Erst
ein Jahr vor seinem Tod mußte Ricci, der schon lange an einer
Herzkrankheit gelitten hatte, notgedrungen das Unterrichten aufgeben. Er
hörte jedoch keineswegs mit der Arbeit auf; in Rocca di Papa, einem schön
gelegenen kleinen Ort am Albanersee, wo er sich eine kleine Wohnung
gekauft hatte, widmete er sich dem Schreiben und vollendete mehrere Aufsätze
und Bücher: eine große Selbstbiographie, kleinere Hefte mit
Erinnerungen an Cotogni und Gigli, eine Schrift mit detaillierten
Anweisungen zur Interpretation der Trias „Rigoletto“ - „Trovatore“
- „Traviata“, sowie Monographien über Mascagni, Leoncavallo und
Giordano als Interpreten ihrer eigenen Werke. Diese Schriften, die nur
als Manuskript existierten, sind nach seinem Tod mit höchster
Wahrscheinlichkeit verloren gegangen. Seine Notenbibliothek brachte er
dagegen schon vor seiner Übersiedlung nach Rocca di Papa in Sicherheit,
indem er sie einer seiner ehemaligen Schülerinnen verkaufte. Jane
Klaviter, die als Korrepetitorin und Souffleuse an der Metropolitan
Opera in New York arbeitet, ist jetzt im Besitz dieses kostbaren
Materials, das im Falle ihres Ablebens einer amerikanischen Universitätsbibliothek
übergeben werden soll. Daß
der Name dieses Mannes, der 60 Jahre lang wie kein anderer den Stil der
italienischen Oper prägte, in keinem Musiklexikon steht, ist nicht nur
unverständlich, sondern geradezu skandalös. Doch es ist vielleicht
auch ein Zeugnis dafür, daß er in hohem Grade jene zwei
Charaktereigenschaften besaß, die man haben muß, um eine Tradition
rein weiterzugeben: Objektivität und Bescheidenheit. Ricci
gehörte zu jenen ganz seltenen ausübenden Künstlern, die, obwohl sie
selbst bedeutende Persönlichkeiten sind, ihre Lebensaufgabe im Dienen
erblicken und deshalb bereit sind, aus Ehrfurcht vor den großen schöpferischen
Genies die eigene Person ganz in den Hintergrund treten zu lassen. * Ich
selbst hatte das unschätzbare Glück, Schüler von Ricci zu sein. Ich
lernte ihn im Jahre 1971 kennen. Ich war damals Dirigent an der
Finnischen Nationaloper in Helsinki und sollte eine Wiederaufnahme von
Verdis „Don Carlo“ dirigieren. Der damals noch blutjunge Matti
Salminen war als Philipp vorgesehen; er war kurz vorher in Rom gewesen
und hatte seine Rolle mit Ricci durchgenommen. Der Sänger des Posa,
Jorma Hynninen, hatte früher auch schon mit Ricci gearbeitet und wollte
noch einmal zu ihm hinfahren, um diese Partie, die für ihn ganz neu
war, mit ihm einzustudieren. Er riet mir dringend, mitzufahren, um den
einzigartigen Maestro, der angeblich alle „Traditionen“ wußte, und
von dem er nur in den höchsten Tönen des Lobes sprechen konnte,
kennenzulernen. Ich war zunächst skeptisch; denn einerseits hatte ich
alle die typischen Vorurteile des Nicht-Romanen gegen die italienische
Oper, die ich, im Vergleich zu Mozart, Wagner und Strauss, für oberflächlich
und plakativ hielt; andererseits wußte ich nichts von Riccis
Vorgeschichte und meinte, er würde wahrscheinlich nur die schlechten
Gewohnheiten, die man schon von vielen italienischen Sängern her
kannte, als „Tradition“ verkaufen. Hynninen blieb jedoch hartnäckig
und es gelang ihm schließlich - zu meinem Glück - mich zu überreden.
Also fuhr ich mit nach Rom, um der Einstudierung der Rolle des Posa als
passiver Zuhörer beizuwohnen. In
den zwei Wochen, die ich in der italienischen Hauptstadt verbrachte, eröffnete
sich mir eine völlig neue Welt. Ich kann mich gut erinnern, wie ich das
Studio Riccis in der via Amendola - ein Zimmer, das mir in den Jahren
danach so vertraut werden sollte - zum ersten Mal betrat. Es war ein
relativ kleiner Raum. In einer Ecke stand Riccis Flügel; ihm gegenüber
sah man ein altes, niedriges viereckiges Klavier, von dem ich später
erfuhr, daß es einst Rossini gehört hatte. An einer Wand waren Regale
befestigt, die vom Boden bis zur Decke reichten; darin befanden sich die
Klavierauszüge, die Ricci bei seiner Arbeit brauchte. Alle anderen Wände
waren mit Fotos bedeckt, die mit Widmungen von den berühmtesten Sängern
und Dirigenten des Jahrhunderts versehen waren; unter diesen befand sich auch
jenes bekannte Gruppenbild, das anläßlich der italienischen Erstaufführung
des „Don Carlo“ in Bologna gemacht worden war, und das eine
Originalwidmung Verdis an Cotogni trug. Der kleingewachsene Maestro
selbst - er reichte mir ungefähr bis zur Schulter, hatte aber eine
eindrucksvolle römische Adlernase - strahlte mit seiner Ernsthaftigkeit
und Ruhe eine Autorität aus, die mich sofort in ihren Bann zog. Die
Rolle des Posa beginnt mit einem kurzen Ausruf: „È
lui!... desso... l’Infante!“ („Er ist es... er selbst... der
Infant!“) Es handelt sich dabei um eine fast gesprochene Phrase, die
dem Sänger rein musikalisch keinerlei Schwierigkeiten bietet. Jeder gewöhnlich
Korrepetitor hätte sich damit begnügt, diese paar Noten rhythmisch
korrekt einzustudieren, um dann zu der „richtigen“ Musik des Duetts
überzugehen. Nicht so Ricci: Er unterbrach schon nach diesen ersten
zwei Takten und begann, mit großem Ernst und innerer Beteiligung, die
ganze Vorgeschichte dieser Szene zu erzählen. Er sprach von der schwärmerischen
Freundschaft, die Posa und Carlos in ihrer Jugend verbunden hatte, und
schilderte die heiligen Schwüre, durch die die Freunde ihre Absicht
besiegelt hatten, zusammen eine neue, menschlichere und freiere Welt zu
schaffen. Er erzählte dann, wie Posa, der jahrelang von Spanien fern
gewesen, jetzt aber zurückgekehrt sei, mit fieberhafter Erregung dem
ersten Wiedersehen mit seinem Freund entgegensehe. Und dann versuchte er
das Gefühl überbordender, enthusiastischer Freude zu beschreiben, die
in jenem sonst so belanglos erscheinenden Satz „È
lui!... desso... l’Infante!“ zum Ausdruck kommt. „So“, sagte
er dann, „jetzt singen Sie die Phrase noch einmal
- mit Ausdruck.“ Das
alles war für mich eine Offenbarung. Ich hatte nie erlebt, daß jemand
auf diese Art und Weise arbeitete; denn der Korrepetitor sieht seine
Aufgabe normalerweise darin, den Orchesterpart am Klavier zu spielen und
zu kontrollieren, daß der Sänger die richtigen Noten singt. Hier hatte
ich dagegen einen meisterhaften Lehrer
für Stil und Interpretation vor mir, der ein immenses Wissen besaß,
das Werk von innen heraus genauestens kannte und, auf dieser Grundlage
arbeitend, dem Sänger zu einer geschlossenen Rollengestaltung verhelfen
wollte, bei der das Musikalische, das Stimmliche, das Psychologische und
das Dramatische ineinander greifen sollten, um eine wirkliche Einheit
entstehen zu lassen. Und in dieser Einheit war alles - auch das
kleinste, scheinbar belanglose Detail - wichtig. Erst
nachdem der Sänger diese zwei Takte zufriedenstellend gesungen hatte,
ging Ricci weiter. Bald kam jene Stelle, die Cotogni, da er die Rolle
mit Verdi durchgemacht hatte, anders gesungen hatte, als sie in der
Partitur stand. Es handelte sich dabei um die Phrase „Carlo
mio, con me dividi il tuo pianto, il tuo dolor!“ („Mein Carlos!
teile mit mir deine Tränen und deinen Schmerz!“), die mit einem hohen
„Fis“ auf dem Wort „tuo“
ihren Höhepunkt erreicht. Verdi hatte auf diesem „Fis“ ursprünglich
ein dolcissimo pp
vorgeschrieben. Nun wäre es für Cotogni überhaupt nicht schwer
gewesen, dieses pianissimo zu
singen; im Gegenteil, das „fior
di labbra“ - also die zarte, „blumenhafte“ Stimmgebung - war
sogar eine Spezialität von ihm. Doch er empfand die Phrase einfach
anders: Das pianissimo schien ihm an dieser Stelle gekünstelt zu sein; sollte
er das Gefühl überschäumender Freundschaft, das hier geradezu wie
eine Explosion aus Posa hervorbricht, mit echter Empfindung singen, dann
mußte er - so fühlte er deutlich - ein crescendo
machen, das in einem fortissimo
auf dem hohen Ton endete. Als
Hynninen diese Stelle sang, unterbrach Ricci natürlich sofort. „Guardi“
- sagte er - „qui Cotogni mi
diceva che Verdi gli aveva detto...“ („Hier
erzählte mir Cotogni, daß Verdi ihm gesagt hatte...“) - und erzählte
darauf die ganze Geschichte von Cotognis Besuch in Sant’Agata, und daß
der große Verdi es dem jungen Sänger erlaubt habe, diese Phrase so zu
singen, wie er es fühlte - ja, daß er sogar dafür gesorgt habe, daß
die Dynamik, die Cotogni als unecht empfunden hatte, bei der nächsten
Ausgabe des Werkes aus der Partitur gestrichen würde, so daß es dem
heutigen Interpreten nach gutem Belcanto-Brauch nunmehr freistehe, die
Stelle so zu bringen, wie er sie am richtigsten findet. Cotognis Vorsingen bei Verdi hatte im
Jahre 1867 stattgefunden; Ricci hatte die Geschichte vielleicht im Jahre
1905 gehört; und wir schrieben damals das Jahr 1971. Trotzdem erzählte
Ricci das alles so, als ob es sich gestern ereignet hätte. Man hatte
das Gefühl, als ob Verdi selbst im Zimmer gegenwärtig wäre... Dann
kam das berühmte Duett „Dio che
nell’alma infondere amor volesti e speme...“ („Gott, der du
unserer Seele Liebe und Hoffnung einflößen wolltest...“). Hynninen -
der übrigens ein Sänger von besonderer Intelligenz und Feinfühligkeit
war - hatte mit Absicht darauf verzichtet, sich vor dem Unterricht bei
Ricci eine eigene Interpretation zurechtzulegen; denn er wollte das
Wissen, das dieser ihm vermitteln sollte, ohne vorgefaßte Meinung
aufnehmen. Deshalb sang er den Anfang dieses Duettes in einem gewöhnlichen
mezzoforte, wie man es auch
auf den meisten Schallplattenaufnahmen gesungen hört. Hier unterbrach
Ricci fast heftig. „Ma no!“ rief
er aus, „è una preghiera! („Es
ist ein Gebet!“) - piano! piano!“ Nach dieser Belehrung sang es Hynninen noch einmal, jetzt aber in einem wunderbaren, zarten piano.
Dadurch war die ganze Musik auf einmal völlig verwandelt; und mir wurde
klar, daß der richtige, authentische Verdi-Stil etwas ganz anderes war
als jene äußerliche Zurschaustellung oft geheuchelter Emotionen und
jenes pausenlose forte-Singen,
die man leider oft genug auch von den berühmtesten italienischen Sängern
zu hören bekommt. Hier war alles dramatisch wahr, von echtem Gefühl
getragen und auch dynamisch differenziert. Verdis Musik gewann dabei
einen Adel, der ihr einen völlig neuen Wert verlieh. Danach
folgte ein Schlüsselerlebnis dem anderen. Am Anfang der Arie „Carlo
ch’è sol il nostro amore“ wird, dem Belcanto-Brauch gemäß,
die erste Phrase durch ein portamento mit der darauffolgenden verbunden. Nun kann man ein portamento
auf sehr verschiedene Art und Weise ausführen. Macht man dabei z.B.
ein großes vibrato, ohne daß dieses durch eine starke, extravertierte Emotion
gerechtfertigt ist, dann kann das portamento
leicht aufgesetzt und plakativ wirken. In dieser verhaltenen Arie wäre
ein solches vibrato auf jeden
Fall fehl am Platz. Deshalb verlangte Ricci, daß der Sänger ein
leichtes portmento mit dimenuendo
und ohne allzu großes vibrato mache
- und selbstverständlich ohne danach zu atmen. „Il portamento“ - erklärte er -
„deve legare le due frasi, portare l’una all’altra!“ („Das
portamento muß die beiden
Phrasen miteinander verbinden, die eine zur anderen hintragen!“). Und
dann sang er selbst ein portamento
von einer Eleganz vor, wie ich sie bis dahin noch nie gehört hatte. Es
war, als ob die Phrase, wie durch die eigene Schwerkraft getrieben, ganz
sanft aus der Höhe heruntersinken würde, um nachher die Bewegung auf
natürlichste Art und Weise fortzusetzen. Auch hier also keine Äußerlichkeiten
und keine Effekthascherei, sondern feinste, nobelste Phrasierungskunst,
die wie selbstverständlich aus der psychologisch-dramatischen Situation
hervorging. So
ging es dann von Stunde zu Stunde weiter; es kam eine Offenbarung nach
der anderen. Am schönsten war wohl die Schlußarie - jene Szene, bei
der Cotogni Verdi zum Weinen gebracht hatte. Ricci erklärte hier
Hunderte von Einzelheiten, die entweder gar nicht in der Partitur stehen
oder - falls sie Verdi aufgeschrieben hat - sehr selten richtig ausgeführt
werden: dynamische Nuancen, Phrasierungen, Akzente, portamenti,
rubati, Fermaten, kleine
Temporückungen usw. Dabei betonte er bei jeder neuen Belehrung immer
wieder, daß dies alles nicht von ihm stammte; „Così
fece Cotogni“ sagte er, „quando
cantava per Verdi“ (So machte es Cotogni, als er diese Stelle
Verdi vorsang“). Was dabei herauskam war eine Interpretation von höchster
Einfachheit und nobelster Verhaltenheit. Der ganze erste Teil - das berühmte
„Per me giunto è il di supremo“
- ließ Ricci in einem durchgehenden piano singen, das sich an den ausdrucksvolleren Stellen höchstens
bis zu einem mezzopiano dolce
steigern durfte; auch das hohe „F“ am Ende durfte nicht lauter
gesungen werden. Alles, auch die Tempo-Rückungen, durch die diese Musik
ihr inneres Leben empfängt, mußte, der Situation entsprechend, maßvoll
und edel sein. Vor allem war aber alles wahr.
Keine Dynamik, keine Phrasierung, keine Tempo-Änderung durfte gemacht
werden, die nicht psychologisch und dramatisch motiviert war. Man meinte
fast, ein Stück von Mozart zu hören. In
der Folgezeit benutzte ich jede Gelegenheit, um nach Rom zu fahren,
damit ich mir möglichste viel von diesem unschätzbaren Wissen aneignen
konnte. Auf diese Weise konnte ich, wenn nicht alles, so doch einen großen
Teil des italienischen Repertoires mit Ricci durchmachen. Meistens war
ich mit ihm allein. Dann saß ich am Klavier und spielte, er saß neben
mir, sang und dirigierte - und unterbrach dann, um mir etwas
Musikalisches zu erklären oder manchmal auch, um eine bestimmte Stelle
szenisch vorzumachen. Dabei sagte er immer wieder: „Guardi:
qui Cotogni mi diceva che Verdi gli aveva detto...“ Manchmal
durfte ich auch dabei sein, wenn er mit Sängern arbeitete - was oft
interessanter als die Einzelstunden war, da er dann die Psychologie der
Figuren genauer erklärte und auch an der technischen Ausführung der
verschiedenen Ausdrucksmittel feilte. Als besonders schön habe ich die
Arbeit an „Rigoletto“ in Erinnerung, der durch wahren Gefühlsausdruck
und zarte dynamische Nuancen jede Spur von „Drehorgelhaftigkeit“
verlor und zu einem noblen und ergreifenden Musikdrama wurde. Auch die
Arbeit an der “Boheme“ war besonders interessant. Hier hatte Ricci
alles unmittelbar aus erster Hand und konnte mir besonders viel über
die psychologische Rollengestaltung, wie sie Puccini erklärt hatte, erzählen. Oft
kamen sehr überraschende Tatsachen zum Vorschein. So hatte Cotogni z.B.
seinen Schülern erzählt, daß man in seiner Jugend, also um 1850
herum, das letzte allegro des
I. Finales des „Barbiere di Siviglia“: „mi
par d’esser con la testa in un’orrida fucina“ - ein
Stück, das heutzutage in einem rasanten alla
breve genommen wird - noch „auf vier“ dirigiert hatte. Ein so
langsames Tempo wäre heute völlig unvorstellbar, aber es erklärt,
warum Rossini im Mittelteil Triolen für die Gesangsstimmen schrieb
(diese werden, da sie im schnellen Tempo singbar sind, bei heutigen Aufführungen
meist in einfache Achtelnoten umgeändert). Ricci machte mich auch auf
einen anderen Brauch aufmerksam, der heute völlig in Vergessenheit
geraten ist, nämlich die zu Cotognis Jugendzeit verbreitete Gewohnheit,
bei den wiederholten Schlußkadenzfloskeln, mit denen in den meisten
Arien und Ensembles von Rossini und Donizetti der gesungene Teil
abgeschlossen wird, die letzte von dieser Floskeln plötzlich doppelt so
langsam wie die vorhergehenden zu nehmen. Manchmal
wurden auch weit verbreitete Vorurteile als Irrtümer entlarvt - so z.B.
die besonders bei nordischen Puristen weit verbreitete Meinung, man dürfe
in der ersten Arie der Mimi bei den Worten :
„ma quando vien lo sgelo“ kein portamento
machen, da dieses nicht in der Partitur stehe. In Wirklichkeit ist die
Sache genau umgekehrt: Puccini selbst verlangte an dieser Stelle immer
ein portamento - und zwar
eines, daß ohne Atem in die neue Phrase hinüberleitet. Er erklärte
auch den Grund dafür: Mimi, die eben mit leiser Selbstironie von sich
gesprochen hat, wird an dieser Stelle plötzlich von einer starken
erotischen Erregung erfaßt; und dieser Übergang sollte eben durch das portamento
zum Ausdruck kommen. „Cambiando
da ridendo in sensuale“ („vom Lachen ins Sinnliche übergehend“)
sind die Worte, mit denen Puccini selbst diese Gefühlsveränderung, die
während dieses einen Tons zu
geschehen habe, beschrieb - ein unbeschreiblicher Effekt, den die
meisten Sänger sich entgehen lassen, weil das portamento eben „nicht in den Noten steht“. Auch das gängige
Vorurteil, daß die Toscanini-Aufnahme der „Boheme“ stilistisch
mustergültig und nachahmenswert sei, wurde von Ricci korrigiert. Da
Toscanini die Uraufführung des Werkes dirigiert hatte, meinen nämlich
viele heutige Musiker und Musikfreunde, daß seine Platteneinspielung,
obwohl sie mehr als ein halbes Jahrhundert nach jener Aufführung entstand,
genau dem Willen des Komponisten entsprechen müsse. Auch ich dachte früher
so - obwohl mein Gefühl dagegen starken Widerspruch erhob; denn
Toscaninis musiziert bei dieser Aufnahme spröde, hart, ohne jeden
sinnlichen Schmelz - und
vor allem geradezu unsinnig schnell. Da ich Ricci, der viel mit
Toscanini zusammengearbeitet hatte und diesen auch hoch verehrte, einmal
vorsichtig fragte, was davon zu halten sei, antwortet er ohne Zögern: „È
una porcheria“ („Das ist eine Schweinerei“) - ein hartes
Urteil, das er jedoch gleich darauf begründete. „Mai
Toscanini dirigeva così quando era giovane“ sagte er („Nie dirigierte
Toscanini so, als er noch jung war“); und dann erklärte er, daß der
große Dirigent, da er älter wurde, eine furchtbare Angst davor hatte,
langsam und sentimental zu werden, und daß er, um dem entgegenzuwirken,
in seinen letzten Lebensjahren mit Absicht das Gegenteil gemacht habe -
wobei er wieder ins andere Extrem gefallen sei. Riccis
Unterricht war von unbedingter Ehrfurcht vor den großen Werken der
Opernliteratur geprägt; er selbst trat völlig hinter diese Werke zurück.
Daß jedoch Werktreue nicht mit Texttreue identisch war, wußte er, der
erlebt hatte, wie selbst Komponisten des 20. Jahrhunderts während der
Probenarbeit Änderungen und Ergänzungen an ihren eigenen Partituren
verlangt hatten, besser als jeder andere. Deshalb bestand ein Großteil
seines Unterrichts darin, all das mitzuteilen, was nicht in den
gedruckten Noten steht, jedoch von den Komponisten selbst als zum Werk
oder zum Stil gehörend betrachtet wurde. Die Authentizität von Riccis
Mitteilungen wird durch die Ehrfurcht verbürgt, die er vor dem
Komponisten empfand. Nie hätte er etwas geändert, wenn er nicht
absolut sicher gewesen wäre, daß dies im Sinne des Werkschöpfers war.
Ich kann mich gut erinnern, wie ein junger Tenor einmal bei der ersten
Arie des Herzogs in „Rigoletto“ eine von Verdi nicht autorisierte
Kadenz sang, die bis zum hohen „Des“ hinaufging. Ricci bekam einen
veritablen Wutanfall, der Toscanini alle Ehre gemacht hätte. „Un’insulta
contro Verdi!“ (Eine Beleidigung Verdis!“) schrie er immer
wieder, und es dauerte lange, bis er sich beruhigt hatte und die Stunde
fortsetzen konnte. Die
Interpretation, die unter seiner Leitung entstand, war im besten Sinne
des Wortes modern. Sie war
nicht nur durch Einfachheit und Echtheit, sondern auch durch
psychologische und dramatische Wahrhaftigkeit gekennzeichnet; äußere
Effekthascherei war ihr völlig fremd. Darüber hinaus war sie von einer
musikalischen Logik, wie ich sie sonst nirgends, auch nicht bei den größten
Dirigenten, erlebt habe - was für mich der größte Beweis dafür ist,
daß sie nicht von Ricci, sondern von den Komponisten selbst stammte.
Seine Stunden bestanden aus lauter Offenbarungen; wenn er etwas erklärte
oder vormachte, so war die häufigste Reaktion: „Aha! Jetzt verstehe
ich erst, warum der Komponist diese Stelle so geschrieben hat!“
Deshalb fühlte man sich auch nie dazu gezwungen, etwas bloß deswegen anzunehmen,
weil die Tradition es so verlangte. Nicht weil Ricci sagte, daß es so sein
müsse, übernahm man das, was er vorschlug, sondern weil man mit großer
Sicherheit fühlte, daß es gar nicht anders sein konnte.
So erlebte man Tradition als etwas, was nicht einengt, sondern befreit. Wenn
wir zum Schluß nach Riccis Verhältnis zum Belcanto fragen, so müssen
wir zunächst feststellen, daß er während der dreizehn Jahre, die er
bei Cotogni verbrachte, von diesem eine große Menge von authentischen
Informationen über die Aufführungspraxis der
Rossini-Bellini-Donizetti-Zeit bekommen hatte - Informationen, die nicht
nur den Stil im allgemeinen, sondern auch viele Einzelheiten der
Rolleninterpretation betrafen. Andererseits war Riccis eigene
Einstellung stark durch Verdi und den verismo
geprägt - durch zwei Stile also, die dem Komponisten und seiner
Partiturniederschrift einen viel höheren Stellenwert einräumten und
dem Sänger viel weniger Freiheit ließen, als dies im Belcanto-Stil der
Fall gewesen war. Wenn man also irgendwo einen Unterschied zwischen Riccis
Auffassung und der Auffassung der Belcanto-Komponisten selbst sehen
will, so kann dieser Unterschied nur darin bestehen, daß jene strenger
war als diese; und so kam es oft genug vor, daß Ricci an einer Stelle,
wo ein heutiger Belcanto-Spezialist eine Kadenz oder eine Variation
anbringen würde, den Sänger „come
scritto“ - also wie geschrieben - singen ließ. Gerade diese
Strenge bietet aber die Gewähr dafür, daß, wenn
Ricci eine Veränderung empfahl, diese auf keinen Fall stilwidrig sein
konnte. Wir können also die von Ricci überlieferte Verzierungspraxis
ohne weiteres als Grundlage einer heutigen Interpretation übernehmen; von ihr
ausgehend werden wir dann eher zu ergänzen
als wegzunehmen haben. Auf
jeden Fall bildet die Ricci-Tradition, zusammen mit dem „Traité complet de l’art du chant“ Garcias, die wichtigste
Quelle für die Aufführungspraxis der Belcanto-Zeit. In einer Hinsicht
ist sie sogar die allerwichtigste; denn sie hat den unermeßlichen
Vorteil, daß sie eine mündliche Überlieferung
ist. Welche Bedeutung dieser Tatsache zukommt, kann jeder ermessen, der
einmal versucht hat, anhand von schriftlichen Beschreibungen eine
musikalische oder stimmtechnische Leistung nachzuvollziehen. Denn es ist
eine Sache, eine bestimmte Phrasierung oder Stimmgebung vorzuschreiben,
eine ganz andere jedoch, die Art, wie man diese Dinge auszuführen
habe, verständlich darzulegen. Wie
die verschiedenen Stimmfarben klingen sollen, wie
man eine reine legato-Linie
zu singen habe, wie ein portamento
oder eine messa di voce gesangstechnisch hervorzubringen seien - das alles
kann man nur durch Vormachen vermitteln. Deshalb ist die mündliche
Weitergabe der alten Aufführungspraxis etwas, was durch nichts ersetzt
werden kann. *
Die Zitate, sowie die biographischen Daten von Cotogni und Ricci sind
folgenden Büchern entnommen:;
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